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KEINE ANGST VORM GROSSEN AUFTRITT!

Ich habe Operngesang studiert. Und ich hatte massive, panische Angst vor Auftritten. Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen verrate: Das ist eine ziemlich unpraktische Kombination!

Denn wenn Sie Blackouts bekommen, sich Ihnen die Kehle zuschnürt, Sie schlotternde Knie bekommen, sich Ihr Blickfeld verengt, Ihr Puls rast, sobald Sie vor dem Publikum stehen – wie sollen Sie dann singen? Und das ja nicht etwa in Bierzelt-Qualität, sondern auf höchstem Niveau?

Während Lampenfieber in gesundem Maße völlig normal und sogar nützlich ist, weil es vor einem Auftritt den Kick zur Bestleistung liefert, bewirkt die Angst vor Auftritten das Gegenteil: Sie lähmt.

Und das Phänomen Auftrittsangst ist weit verbreitet. Sogar unter Berufsrednern und Moderatoren. Hape Kerkeling beispielsweise gibt zu, dass er vor Auftritten furchtbare Angst schiebt. Studien zufolge ist die Angst, vor Publikum zu sprechen, für viele Menschen sogar größer als die Angst vor dem eigenen Tod.

Warum ist das so?

Tief in der menschlichen Natur

Wie bei so vielen sozialen und psychologischen Phänomenen lohnt es sich, in die Tiefe zu gehen und nach der Wurzel zu graben. Im Falle der Angst, vor Gruppen zu sprechen, können Sie sich fragen: Was ist das Schlimmste, was in dieser Situation passieren kann?

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten: Ich befürchtete, ausgelacht, ausgebuht, verspottet, von der Bühne gejagt und aus dem Opernbetrieb verstoßen zu werden. Abstrakt gesprochen, ging es also um das Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Und in diesem Zusammenhang ergibt das Phänomen dann plötzlich Sinn: In der Evolution der Menschheit war es über Millionen von Jahren das fast sichere Todesurteil, aus der Sippe ausgestoßen zu werden. Denn um alleine in der Wildnis zu überleben, dazu ist der Mensch einfach zu schwach, zu langsam, zu wenig wehrhaft.

Wir sind Gruppenwesen, weil wir nur als Gruppe überleben konnten. Insofern hat sich Zugehörigkeit als eines der stärksten menschlichen Grundbedürfnisse herausgebildet. Und daran hat sich in der evolutionsgeschichtlich relativ kurzen Zeit der Zivilisation auch nichts geändert.

Das erklärt, wie tief manche Ängste sitzen und dass Sie sie in angstbesetzten Situationen nicht einfach abschalten oder „wegmachen“ können. Es hilft auch nichts, Menschen mit Angst unter Druck zu setzen: „Reiß dich gefälligst zusammen!“ – das macht alles noch schlimmer.

Da braucht es mehr.

Was Erleichterung bringt

Manche unserer Klienten sagen so etwas wie: „Ich bin hoch nervös, möchte aber cool und gelassen wirken. Wie schaffe ich das?“

Dann muss ich sagen: Tut mir leid. Aber das geht nicht!

Denn wir strahlen immer genau das aus, was innen ist. Darum müssen wir am Innen, am mentalen und emotionalen Zustand arbeiten, wenn wir außen eine Veränderung haben wollen. Also nicht Herumdoktern am Symptom, sondern Arbeit an der Ursache.

Im Falle der Angst, vor Gruppen zu sprechen, können beispielsweise Wahrnehmungsübungen hilfreich sein, um am Körpergefühl, der Körperhaltung, dem Standpunkt und an der inneren Stabilität zu arbeiten. Das erhöht meistens schnell auch die psychische Stabilität.

Fokusübungen sind meistens ebenfalls nützlich. Denn die Angst verstärkt sich oft dadurch, dass der Fokus unbewusst auf die Angst gerichtet wird. „Where the focus goes, the energy flows“ – im Umkehrschluss: Wenn Sie lernen, Ihren Fokus auf andere Dinge zu richten, zum Beispiel auf bestimmte Punkte im Körper oder im Raum, dann können Sie die Angst abschwächen.

Komplett angstfrei? Bitte nicht!

Es gibt noch viele weitere gute und erstaunlich wirksame Techniken – aber auch hier kein Patentrezept.

Bei mir übrigens wurde die Auftrittsangst mit der Zeit von selbst schwächer. Ich war damals noch unerfahren und dachte, das sei ganz normal. Also setzte ich mich unnötigerweise der Angst immer wieder aufs Neue aus – ich machte somit quasi eine selbstverordnete Verhaltenstherapie. Heute habe ich vor Auftritten ganz normales Lampenfieber, aber keine Angstattacken mehr.

Natürlich dauerte das Jahre und war mit völlig unnötigem Leiden verbunden. Umso mehr freue ich mich, wenn ich heute Klienten helfen kann, angst- und stressfreier unterwegs zu sein. Das Leben fühlt sich so nämlich wesentlich leichter an. Ganz verschwinden wird die Angst aber nie – zum Glück! Schließlich schützt sie uns und ist eine wertvolle Hilfe, damit wir uns nicht tollkühn in überaus gefährliche Situationen stürzen. Aber wir können lernen, „mit der Angst zu gehen“, so dass wir ihr nicht schutzlos ausgeliefert sind – sondern sie regulieren.

Frederik Beyer
frederik.beyer@evoleo.de
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