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ES LIEGT AM UNTERNEHMEN, NICHT AN DEN AZUBIS

Lassen Sie mich doch einmal mit der Tür ins Haus fallen: Azubis entsprechen oft nicht den Erwartungen von Unternehmen. Sie sind nicht reif genug, nicht motiviert genug und gerade ihre Sozialkompetenzen lassen zu wünschen übrig. Wenn Sie doch nur ein selbstbewussteres Standing hätten, adäquater mit Konflikten umgehen könnten und im Face-to-face-Kontakt nicht untergehen würden … Ja, wir erleben es häufig, dass Ausbildungsbetriebe genervt sind.

Und die Azubis spüren diesen Druck natürlich. Die Erwartungshaltung an sie ist mittlerweile weit entfernt von „Realschulschnitt 2,5, Scheitel ziehen und freundlich Grüßgott sagen können“, wie es früher der Fall war. Der globale Wettbewerb heute erwartet mehr von den Unternehmen – und diese dadurch mehr von ihren Auszubildenden.

Zu hohe Erwartungen

Nun muss ich sagen: Die Erwartungshaltung ist etwas zu groß. Unternehmen vergessen nämlich gerne, dass es sich bei den Azubis um Jugendliche mit 16 bis 18 Jahren handelt. Wo wollen sie die Lebenserfahrung für ein entsprechendes Auftreten denn her haben? In der Schule werden solche sozialen Schlüsselqualifikationen ja nicht gelehrt.

Hinzu kommt, dass die Jugendlichen noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind: Hormonumstellungen in der Pubertät, die Abnabelung vom Elternhaus, die Umstellung von der Schule auf eine 40-Stunden-Woche und nicht zuletzt die Frage, was sie eigentlich im Leben und beruflich wollen. In dieser Phase brauchen Azubis Förderung. Und damit meine ich mehr als fachliche Weiterbildung – auch wenn es dafür natürlich ein gutes Konzept braucht.

Was die jungen Leute wirklich brauchen: Begleitung in der Persönlichkeitsentwicklung. Ein paar Azubi-Events mit gemeinsamem Grillen reichen da nicht aus. Selbst wenn diese ganz nett verlaufen, werden die Gesichter der Jugendlichen abends am Lagerfeuer wieder von den Handydisplays erleuchtet – weil sie wieder in ihre eigene Welt abtauchen.

Den Spieltrieb wecken

Wenn Sie Ihre Auszubildenden wirklich fördern möchten, kommen Sie um richtige Trainings mit erlebnispädagogischen Mitteln nicht herum. Pädagogisch deshalb, weil es sich hier nunmal um Jugendliche handelt, nicht um gestandene Erwachsene. Und Sie müssen die Azubis eben dort abholen, wo sie sind: in einer Umbruchphase. So erzielen Sie mit ihnen die besten Ergebnisse und bringen sie am schnellsten voran.

Ein Beispiel gefällig? Wir waren für ein Training einmal mit der ganzen Auszubildendengruppe am Altrhein. Das gegenüberliegende Ufer war etwa 100 Meter entfernt. Die Aufgabe: Mit bestimmten technischen Hilfsmitteln in einer vorgegebenen Zeit als Team das Wasser überqueren. Diese Aufgabenstellung weckte einerseits den Spieltrieb. Die Jugendlichen waren aus sich heraus motiviert, die Aufgaben zu meistern, und waren gleichzeitig gefordert: Sie mussten Entscheidungen treffen („Wollen wir überhaupt auf die andere Seite oder wird das einfach nur von uns erwartet?“), Widerstände überwinden, konfliktbehaftete Situationen im Team lösen, sich Gehör verschaffen, wenn Sie etwas (nicht) wollten. Kurz: Wir haben eine spielerische Lernsituation geschaffen, in der die Azubis neue Lernerfahrungen machen konnten, die eben nicht nur im Bereich des Fach- und Methodenwissens angesiedelt waren. Das setzte starke Entwicklungsanreize.

Investition in die Zukunft

Leider legen nur wenige Unternehmen den Fokus auf die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Azubis. Und wir haben auch noch kein Unternehmen gesehen, in dem die erforderliche sozialpädagogische Kompetenz dazu ausreichend vorhanden gewesen wäre. Die Ausbildungsleiter sind entweder fachtechnisch sehr gut oder – ohne diese Kompetenz schmälern zu wollen – Mitarbeiter, die gut mit jungen Menschen können und eben gerne mit Jugendlichen arbeiten.

Wir würden es sehr begrüßen, wenn Leute mit entsprechender pädagogischer Ausbildung für die jungen Fachkräfte zuständig wären. Nur bis Unternehmen soweit sind, braucht es wohl noch die Hilfe von externen Trainern.

Ja, das ist eine Investition. Ja, da kann teuer sein. Aber so abgedroschen das klingen mag: Azubis sind die Zukunft Ihres Unternehmens. Und wenn Sie sich den Fachkräftemangel und die Prognosen für die Zukunft einmal anschauen, können Sie es sich kaum leisten, nur in Führungskräfte zu investieren. Auch und vor allem die nachwachsende Riege der Azubis möchte entsprechend gefördert sein.

Jürgen Mall
juergen.mall@evoleo.de
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